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Verletzung der Aufklärungsobliegenheit bei Unfallflucht
AKB § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3

Durch ein Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort i.S. des § 142 StGB verletzt der Versicherte in der Regel die im Versicherungsverhältnis bestehende Aufklärungsobliegenheit, selbst wenn eine Mitverursachung des Unfalls durch einen Dritten nicht in Betracht kommt. (Leitsatz RA GG)
OLG Köln, Urteil vom 24. 11. 1998 - - 9 U 97/98

Zum Sachverhalt:
Die Klägerin verursachte mit ihrem Pkw einen Unfall mit einem Fremdsachschaden von ca. 600 DM. Ein Dritter war an dem Unfall nicht beteiligt. Sie verließ die Unfallstelle und meldete den Unfall erst zwei Tage später bei der Kreisverwaltung. Der beklagte Kaskoversicherer berief sich auf Leistungsfreiheit wegen Verletzung der Aufklärungspflicht und obsiegte damit in beiden Instanzen.

Aus den Gründen:
1. Der Senat ist trotz der abweichenden Entscheidung des OLG Saarbrücken vom 9. 7. 1997 (VersR 1998, 883 = NZV 1999, 131), auf die die Klägerin sich beruft, nach wie vor der Ansicht, dass ein Versicherungsnehmer, der den Tatbestand der sog. Unfallflucht i.S. des § 142 StGB verwirklicht, damit in der Regel zugleich seine Aufklärungsobliegenheit gegenüber dem Kfz-Versicherer gem. § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB verletzt (vgl. Senat, VersR 1995, 1182). Diese Rechtsauffassung entspricht der ständigen, jahrzehntelangen höchstrichterlichen Rechtsprechung des BGH (vgl. schon VersR 1958, 389), die auch heute noch Gültigkeit hat (vgl. zuletzt BGH, VersR 1996, 1229). und von der ganz überwiegenden Meinung in Rechtsprechung und Literatur geteilt wird (vgl. die Nachw. bei Prölss/Martin, VVG, 26.Aufl., § 7 AKB Rdnr. 18; Stiefel/ Hofmann, Kraftfahrtversicherung, 16.Aufl., § 7 AKB Rdnrn. 35, 57).

Nach dieser Rechtsprechung ist die „Unfallflucht“ mit der Obliegenheit nach § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB, alles zu tun, was zur Aufklärung des Tatbestandes und zur Minderung des Schadens dienlich sein kann, unvereinbar, denn die Bestimmung verpflichtet den Versicherungsnehmer zu aktiven Bemühungen um eine schnelle, zuverlässige und erschöpfende Feststellung aller für die Beurteilung des Versicherungsfalles wesentlichen Tatsachen und Beweismittel (so BGH, VersR 1969, 651). Soweit Unfallflucht vorliegt, wird das Aufklärungsinteresse des Versicherers durch § 142 StGB gewissermaßen durch eine Reflexwirkung geschützt, weil die Strafvorschrift auf dem Wege über die polizeilichen Ermittlungen mittelbar auch dem Versicherer zugute kommt, indem er das Ergebnis dieser Ermittlungen verwerten kann. Hinsichtlich des Tatbestandes der Unfallflucht bedarf es deshalb keiner speziellen versicherungsvertraglichen Vereinbarung einer entsprechenden Aufklärungsobliegenheit, weil sich die entsprechenden Pflichten bereits aus dem Gesetz ergeben (so BGH, VersR 1987, 658).

Soweit das OLG Saarbrücken in der zitierten Entscheidung vom 9. 7. 1997 von dieser Rechtsprechung jedenfalls in den Fällen abrückt, in denen die Mitverursachung des Kaskoschadens durch einen Dritten (also etwa des Unfallgegners bei einer Kollision beider Fahrzeuge) ausscheidet und damit die Möglichkeit von Rückgriffsansprüchen des Kaskoversicherers gem. § 67 Absatz 1 VVG von vornherein nicht besteht, kann dem nicht gefolgt werden. Es erscheint schon vom Ansatz her unzutreffend, die Aufklärungsobliegenheit des Versicherungsnehmers gem. § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB einengend auf Erklärungen gegenüber dem Versicherer und die Beantwortung von Fragen des Versicherers zu beschränken und eine Wartepflicht des Versicherungsnehmers an der Unfallstelle davon auszunehmen. Dem widerspricht schon der Wortlaut der Bestimmung, wonach der Versicherungsnehmer verpflichtet ist, alles zu tun, was zur Aufklärung des Tatbestandes dienlich sein kann. Zweifellos gehört dazu auch, dass der Versicherungsnehmer in den Grenzen des § 142 StGB an der Unfallstelle verbleibt, um zeitnahe Feststellungen zum Unfallhergang zu ermöglichen.

Auch die vom OLG Saarbrücken gehegten Bedenken hinsichtlich der beweisrechtlichen Konsequenzen einer Obliegenheit, an der Unfallstelle zu verbleiben, insbesondere was die Beweislastverteilung im Rahmen des § 61 VVG betrifft, vermag der Senat nicht zu teilen. Soweit sich für den Versicherer durch die Erfüllung der Aufklärungsobliegenheit vorteilhafte Beweislagen ergeben, ist dies eine sogar vom Gesetz angeordnete und gewollte Konsequenz der den Versicherungsnehmer treffenden Aufklärungsobliegenheit. Diese soll gem. § 34 Absatz 1 VVG gerade die Feststellung des Versicherungsfalles oder die Feststellung des Umfangs der Leistungspflicht ermöglichen; und zu letzterem gehört ohne Zweifel auch die Feststellung völliger Leistungsfreiheit infolge von Obliegenheitsverletzungen oder Risikoausschlüssen wie dem des § 61 VVG. Der Umstand, dass die Erfüllung der Aufklärungsobliegenheit den Interessen des Versicherungsnehmers widerstreitet, ist weder für den objektiven Verstoß gegen die Obliegenheit von Bedeutung, noch vermag er den Verstoß zu entschuldigen (vgl. dazu auch Prölss/ Martin, § 34 Rdnrn. 11, 21; § 7 AKB Rdnr. 10). Das gilt insbesondere auch dann, wenn sich gerade aufgrund der Angaben des Versicherungsnehmers ergibt, dass der Versicherer berechtigt ist, die Leistung zu verweigern (so ausdr. BGH, VersR 1976, 86, 87]).

Soweit das OLG Saarbrücken speziell unter dem Gesichtspunkt der Feststellung einer etwaigen Alkoholisierung des Versicherungsnehmers eine Wartepflicht in Fällen verneint, in denen eine solche Feststellung für die Aufklärungs- und Beweissicherungsinteressen geschädigter Dritter nicht relevant ist, ist das grundsätzlich zutreffend, da die Aufklärungsobliegenheit nach § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB nicht weiter geht als die strafrechtlich sanktionierte Rechtspflicht nach § 142 StGB (vgl. BGH, VersR 1987, 657, 658); dies steht aber der generellen Obliegenheit des Versicherungsnehmers, auch im Aufklärungsinteresse des Versicherers die Pflichten aus § 142 StGB zu erfüllen, nicht entgegen.

Entsprechendes gilt insoweit, als das OLG Saarbrücken die unterschiedlichen Schutzzwecke der strafrechtlichen Wartepflicht einerseits und der versicherungsrechtlichen Aufklärungspflicht andererseits herausstellt. Auch dem ist im Grundsatz zuzustimmen. Daraus folgt aber nur, dass sich die inhaltsgleiche Aufklärungsobliegenheit nicht unmittelbar aus § 142 StGB herleiten läßt, sondern stets § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB die maßgebliche Anknüpfungsnorm darstellt, und das Aufklärungsinteresse des Versicherers durch § 142 StGB eben nur durch eine Reflexwirkung, also mittelbar, geschützt wird.

Nach alledem besteht kein durchgreifender Anlaß, die oben zitierte Rechtsprechung des BGH zur Reflexwirkung des § 142 StGB für die Aufklärungsinteressen des Versicherers und eine daraus folgende entsprechende Aufklärungsobliegenheit auf die Fälle zu beschränken, in denen die (Mit-)Verantwortlichkeit Dritter und damit Rückgriffsansprüche des Fahrzeugversicherers nach § 67 VVG in Betracht kommen.
Der Anregung der Klägerin, in dieser Frage die Revision zuzulassen, war nicht zu folgen. Angesichts der zuletzt noch im Jahre 1996 vom BGH bestätigten jahrzehntelangen Rechtsprechung, die, soweit ersichtlich, zumindest von der ganz überwiegenden Mehrheit der Instanzgerichte geteilt wird, besteht kein Anlaß, zur Wahrung der Rechtseinheit eine erneute Entscheidung des BGH herbeizuführen.

2. Nicht gefolgt werden kann der Klägerin auch insoweit, als sie meint, angesichts der eindeutigen Haftungslage habe es nach dem Sinn und Zweck des § 142 StGB ausgereicht, dass sie den Unfall zwei Tage später, an dem darauffolgenden Montag, bei der Kreisverwaltung gemeldet habe. Diese Auffassung kann schon deshalb nicht richtig sein, weil die Aufklärungspflicht nach § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB i.V. mit § 142 StGB aufgrund zeitnaher Ermittlungen die Feststellung gerade erst ermöglichen soll, ob die Haftungslage eindeutig ist. Bei einer späteren Benachrichtigung der Polizei oder des geschädigten Dritten läßt sich diese Feststellung zumeist nicht mehr zuverlässig treffen.

Maßgebend ist insoweit auch nicht, ob zeitnahe Ermittlungen zu einem anderen Ergebnis geführt hätten als die späteren Ermittlungen; die Aufklärungspflicht nach § 7 Absatz 1 Nr. 2 S. 3 AKB verlangt ein Verhalten des Versicherungsnehmers, das auf einen bestimmten Erfolg gerichtet ist, nicht aber den Erfolg selbst, so dass er durch die Verwirklichung des Tatbestandes des § 142 StGB seiner versicherungsrechtlichen Pflicht auch dann zuwider handelt, wenn die Aufklärung des Unfalls auch ohne seine Mitwirkung möglich gewesen ist (gleichfalls st. höchstrichterliche Rspr.; vgl. BGH, VersR 1969, 651 sowie w. Nachw. bei Prölss/ Martin, § 7 AKBRdnr. 18).

3. Unbegründet ist auch der Einwand der Klägerin, ihr sei keine vorsätzliche Obliegenheitsverletzung vorzuwerfen, weil sie sich nicht bewußt gewesen sei, dass der Versicherungsvertrag auch dazu verpflichte, im Interesse der Aufklärung des Schadensfalles eine mit einer Selbstanzeige verbundene polizeiliche Meldung zu erstatten. Zwar trifft es zu, dass ein solches Bewußtsein bei Versicherungsnehmern nicht allgemein vorausgesetzt werden kann (vgl. BGH, VersR1970, 997 [998]); im Streitfall geht es jedoch nicht um den Vorwurf, eine mit einer Selbstanzeige verbundene polizeiliche Meldung unterlassen zu haben, sondern um die Verletzung der sich aus § 142 StGB ergebenden Pflichten, entweder an der Unfallstelle eine angemessene Zeit zu warten und Feststellungen zur Person, zum Fahrzeug und zur Art der Beteiligung am Unfall zu ermöglichen (§ 142 Absatz 1 StGB) oder derartige Feststellungen unverzüglich nachträglich zu ermöglichen (§ 142 Absatz 2 StGB), was aber nicht notwendigerweise mit einer Selbstanzeige bei der Polizei einhergehen muß, da die Meldung bei der Polizei nicht in der Person des Unfallbeteiligten selbst zu erfolgen hat (vgl. dazu auch schon BGH, VersR1958, 389 [390]; ferner OLG Hamm, r + s 1993, 4).

4. Sodann kann entgegen der Auffassung der Klägerin im vorliegenden Fall nicht von einem Bagatellschaden ausgegangen werden. Die Schadenssumme von über 600 DM ist nicht als geringfügig einzustufen. Maßgeblich sind insoweit nicht wirtschaftliche Erwägungen, wie z.B. bei der Erstattungsfähigkeit von Sachverständigenkosten als zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendige Aufwendungen, worauf die Klägerin verweist (vgl. dazu Palandt/ Heinrichs, BGB, 57.Aufl., § 249 Rdnr. 22); maßgeblich ist vielmehr, bis zu welcher Geringfügigkeitsgrenze bei Drittschäden mit Ansprüchen der Geschädigten nicht gerechnet werden muß. Diese Grenze ist bei einem Schaden von über 600 DM eindeutig überschritten (vgl. dazu auch Prölss/ Martin, § 7 AKB Rdnr. 25; Stiefel/ Hofmann,§ 7 AKB Rdnr. 102).

5. Soweit sich die Klägerin schließlich darauf beruft, der Sachbearbeiter der Beklagten habe eine Schadensregulierung für den Fall der Einstellung des Ermittlungsverfahrens in Aussicht gestellt gehabt, könnte daraus, wenn dies zuträfe, was die Beklagte bestreitet, für das im Rahmen der „Relevanz“ der Obliegenheitsverletzung erforderliche erhebliche Verschulden nichts zu Gunsten der Klägerin hergeleitet werden. Es ist nichts dafür ersichtlich, dass der betreffende Sachbearbeiter befugt gewesen wäre, in dieser Weise für die Beklagte verbindlich zu handeln.
(...)


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